Im Leben geraten wir manchmal in Situationen, die sich wie ein Gefängnis anfühlen und das, obwohl wir dieses Gefängnis nicht selbst erschaffen haben. Besonders in Familiensystemen mit toxischen oder dysfunktionalen Strukturen kann dieses Gefühl übermächtig werden. Es geht dabei um das Prinzip der Triangulation: Man wird in Dynamiken verwickelt, die von außen gesteuert werden, ohne selbst die Kontrolle darüber zu haben. Das betrifft zum Beispiel Menschen, die in ein toxisches Familiensystem einheiraten oder einen Partner haben, der aus einem solchen System stammt.
Die Lösung liegt darin, die eigene Rolle in diesem System zu erkennen und sich selbst mit Sanftmut zu begegnen. Es hilft, zu verstehen, dass die Komplexität solcher Systeme nicht mit einfachen Zuschreibungen wie „narzisstische Mutter“ oder „offener Narzisst“ erklärt werden kann. Vielmehr gibt es verschiedene Rollen und Verstrickungen, die auf unterschiedlichen Ebenen wirken. Häufig kann man diese nicht alleine lösen, sondern nur durch einen Ausstieg und indem man die Beziehungsebene neu betrachtet.
Was in solchen Konstellationen besonders herausfordernd ist: Im Hintergrund gibt es oft eine Person, die die „Fäden in der Hand hält“ und das Geschehen lenkt, während andere scheinbar nur das operative Geschäft übernehmen. Die strategische Kontrolle bleibt jedoch bei der Person, die das Drehbuch geschrieben hat. Wer in so einem System festhängt, stellt sich oft Fragen wie „Was hätte ich anders machen können?“ oder „Warum kann mich die Person nicht schützen?, doch diese Fragen halten einen gefangen, weil sie auf der falschen Ebene ansetzen.
Erst wenn man erkennt, dass mindestens drei Personen involviert sind und die Kommunikation nie direkt stattfindet, ändert sich die Perspektive: Es ist kein Spiel zwischen zwei Menschen, sondern ein System, in dem man zur Spielfigur wird. Die Geschichte dreht sich nicht um einen selbst, sondern man wird zum Platzhalter, um das Skript der strippenziehenden Person zu erfüllen. Diese Erkenntnis kann große Erleichterung bringen, denn sie nimmt die Last von den eigenen Schultern und macht deutlich, dass es nie um die eigene Schuld ging.
Ein typisches Beispiel dafür ist das „goldene Kind“ im Familiensystem. Ein Klon der Eltern, der die destruktiven Anteile weiterträgt und das System am Laufen hält. Ob das Kind die narzisstischen Anteile auslebt, hängt von der Fähigkeit zur Stressbewältigung und der Bereitschaft zur Veränderung ab. Doch oft werden Partner oder neue Familienmitglieder in diese Agenda eingebunden, ohne dass sie eine echte Wahl haben. Sie werden zum verlängerten Arm der Eltern, und das System entscheidet über ihre Zukunft. Identität kann so kaum entstehen, und die betroffenen Personen bleiben im System gefangen.
Die Person, mit der man es zu tun hat, ist oft nicht wirklich selbstständig. Sie gehört systemisch immer den Eltern. Die Loyalität, Identität und sogar Lebensentscheidungen werden von den Strippenziehern bestimmt, unabhängig davon, ob das Ganze bewusst oder unbewusst geschieht. Das Ergebnis bleibt das gleiche: Für die anderen Beteiligten ist das System schädlich und kräftezehrend. Es fühlt sich an, als wäre das eigene Schicksal in Stein gemeißelt, als würde man sich im Kreis drehen, ohne zu Lösungen zu kommen bis hin zur Erschöpfung.
Das System ist so angelegt, dass alle Protagonisten verletzt werden, damit das Skript funktioniert. Die Person, die die Fäden in der Hand hält, wartet förmlich darauf, dass andere scheitern, um am Ende sagen zu können: „Ich kenne dich am besten. Du brauchst mich, du brauchst deine Familie.“ Wer davon betroffen ist, landet oft unverhofft in einer Situation, die von Stress und Trauma geprägt ist, ohne dass er daran Schuld hat. Man wird zum Platzhalter, nicht weil mit einem selbst etwas nicht stimmt, sondern weil diese Rolle im System vorgesehen ist.
In solchen Konstellationen treten immer wieder neue Personen auf: die neue Partnerin, der Sündenbock oder andere, die für eine Zeit lang die Rolle übernehmen. Strukturell kann das niemand dauerhaft leisten. Es ist ein System, das zum Scheitern verurteilt ist, weil es zu viele Ebenen und zu wenig Raum für echte Veränderung, liebevolle Verbindung und Reflexion bietet. Das Ausnutzen, ob bewusst oder unbewusst, findet definitiv statt.
Wenn man annehmen kann, dass man nur ein Platzhalter war, und zwar nicht nur kognitiv, sondern wirklich innerlich, verändert sich etwas Grundlegendes. Die eigenen Fragen wandeln sich: Nicht mehr „Wann wird sich was verändern?“ oder „Hätte ich noch etwas wissen müssen?“, sondern „Wie hätte ich wissen sollen, dass ich eine Hauptrolle in einem Hollywoodfilm bekomme, der nie für mich gedacht war?“ Diese neue Frage spricht einen frei aus dem hochdysfunktionalen System, egal ob es die eigene Familie oder eine andere betrifft.
Man konnte das nicht wissen, weil es nie ausgesprochen wurde. Der Druck, eine Rolle zu erfüllen, war immer da, aber das System funktioniert nur, weil es unsichtbar bleibt. Der Ausstieg aus dieser Rolle braucht Erkenntnis und Entwirrung, denn man wurde in ein System geworfen, dessen Regeln man nicht kennt. Wer diesen Schritt geht, kann das Loslassen lernen und nicht nur die Person, um die es geht, sondern auch den Anteil in sich, der sich ständig fragt, ob er etwas anders hätte machen können. Die Antwort ist: Nichts. Denn das Ergebnis hing nie von einem selbst ab, sondern von der Person, die die Fäden des Schicksals schon lange vor einem in der Hand hatte.