Und warum wir Betroffene im Stich lassen, solange wir das nicht tun.
Die Forschung hat uns ein klares Bild gegeben, wenn es um Narzissmus geht. Ein sehr spezifisches und vor allem sehr sichtbares Bild von Narzissmus. Der grandiose Narzisst, der dominiert, entwertet, kontrolliert und in sich selbst verliebt ist. Der Love Bombing als Einstieg nutzt und Entwertung als Werkzeug. Der Täter, der sich selbst irgendwann entlarvt, weil sein Verhalten so offensichtlich ist, dass selbst Laien es irgendwann benennen können. Dieses Bild hat seinen Platz in der Narzissmus-Debatte, weil es klinisch valide ist.
Aber es ist ein zu kleiner Teil, der vor allem verdeckten Narzissmus und den wahrscheinlich noch anderen Nuancen keine Daseinsberechtigung gibt. Und solange wir als Fachleute an diesem Bild festhalten, lassen wir einen erheblichen Teil der Betroffenen ohne Sprache, ohne Validierung und ohne Orientierung in ihrem Schmerz allein. Denn die Praxis zeigt hier verändert sich ein komplett gesellschaftliches Verständnis, das schon lange kein Einzelschicksal mehr ist, sondern ein strukturelles Problem.
Das Problem mit dem kategorialen Diagnosemodell
Die narzisstische Persönlichkeitsstörung, wie sie im DSM-5 beschrieben worden ist, setzt eine bestimmte Ausprägung voraus. Grandiosität. Mangel an Empathie. Exploitatives Verhalten. Anspruchsdenken. Neun Kriterien, fünf müssen erfüllt sein. Was dieses Raster nicht abbildet ist alles was sich hinter verschlossenen Türen in der Realität der Betroffenen passiert. Alles, was subtiler ist.
Pincus und Lukowitsky haben dieses Problem bereits 2010 in ihrem vielzitierten Überblicksartikel im Annual Review of Clinical Psychology präzise beschrieben: Sie verwiesen auf ein erhebliches Kriterienproblem, das sich aus vier Inkonsistenzen zwischen klinischer Theorie, Forschung und psychiatrischer Diagnostik ergibt. Das Resultat sei eine Diskrepanz zwischen niedrigen NPD-Prävalenzraten in Studien und deutlich höheren Raten klinisch diagnostizierter narzisstischer Störungen in der Praxis (Pincus & Lukowitsky, 2010). Anders formuliert: Was Therapeuten, Coaches und Betroffene täglich erleben, passt nicht in das, was die Diagnosemodelle abbilden.
Das ICD-10 ordnete die Welt noch binär: Entweder erfüllte eine Person die Kriterien für den Code F60.8, die narzisstische Persönlichkeitsstörung, oder sie tat es nicht. Dieses kategoriale Modell erwies sich in der Praxis zunehmend als problematisch. Es führte dazu, dass Menschen, die massives Leid in ihrem Umfeld verursachten, durch das Raster fielen, nur weil sie ein Kriterium zu wenig erfüllten und mit Worten abgespeist worden sind, wie „das ist aber noch lange keine narzisstische Persönlichkeitsstörung“.
Was das ICD-11 uns sagt und was wir daraus machen müssen
Das ICD-11 hat zum 1. Januar 2022 die bisherigen spezifischen Persönlichkeitsstörungen aus dem Katalog gestrichen. Kein Narzissmus mehr, keine paranoide oder dissoziale Persönlichkeitsstörung. Es gibt nur noch die allgemeine Diagnose „Persönlichkeitsstörung“ in verschiedenen Schweregraden.
Stattdessen erfolgt nach der Prüfung der allgemeinen Kriterien einer Persönlichkeitsstörung die Bestimmung ihres Schweregrads. Anschließend können Qualifikationsmarker bestimmt werden, welche die Art der Störung näher beschreiben: negative Affektivität, Distanziertheit, Dissozialität, Enthemmung und Anankasmus.
Das ist kein Rückschritt. Das ist die Anerkennung einer klinischen Realität, die wir schon lange fühlen, aber als „Laien“ auf dem Gebiet uns nicht getraut haben auszusprechen. Narzisstische Muster existieren auf einem Spektrum. Und dieses Spektrum endet nicht an einer Diagnoseschwelle. Wenn ich darüber spreche, dann nenne ich es gerne die „50 Shades of Narcissism“, um es zu verdeutlich und greifbar zu machen.
Verdeckter Narzissmus: Das Muster, das die Forschung kennt, die Praxis aber ignoriert
Verdeckter Narzissmus ist kein neues Konzept. Er ist klinisch und empirisch gut abgebildet. Und trotzdem landet er im Beratungsalltag viel zu selten als Erklärungsrahmen und wird abgeschwächt.
Psychoanalytische Theorieansätze und die klinische Praxis verweisen darauf, dass es zwei Formen von Narzissmus gibt, die sich in der Sichtbarkeit der narzisstischen Merkmale unterscheiden: Während offener Narzissmus im Verhalten beobachtbar ist, verbirgt sich verdeckter Narzissmus hinter einem unsicheren Auftreten. Offener Narzissmus ist mit einem hohen, verdeckter Narzissmus mit einem niedrigen Selbstwertgefühl verbunden. Weiterhin hängt offener Narzissmus nicht mit den Bindungsdimensionen zusammen, während verdeckter Narzissmus mit hohen Ausprägungen von Bindungsangst einhergeht.
Beide Typen reflektieren dieselbe Kernpathologie: eine dysregulierte Selbstwertstruktur die auf externe Bestätigung angewiesen ist und auf keinen Fall zerstört werden darf.
Und das ist doch der entscheidende Punkt. Nicht die Sichtbarkeit des Verhaltens ist das diagnostisch relevante Merkmal. Sondern die zugrundeliegende Struktur. Und diese Struktur zeigt sich beim verdeckten Narzissmus nicht durch laute Entwertung, sondern durch das, was konsequent ausbleibt: echte Gegenseitigkeit, Verantwortungsübernahme, Veränderungsbereitschaft angesichts des Schadens, den das eigene Verhalten beim anderen anrichtet.
In der Beratung von Betroffenen bedeutet das: Was im ersten Jahr der Beziehung, wie Verletzlichkeit und Tiefe gewirkt hat, offenbart sich erst über Zeit als strukturelle Unfähigkeit zur echten Verbindung oder gar zur Veränderung. Und genau dieser zeitliche Verzug macht es für Betroffene so schwer, gehört zu werden. Denn sie können keinen klaren Moment benennen. Sie können nur von einer schleichenden Erschöpfung berichten, die niemand von außen sieht.
Was wir übersehen, wenn wir das nicht verändern
Die klassische Diagnostik fragt: Welche Merkmale zeigt diese Person? Wie viele Kriterien erfüllt sie? Das ist die falsche Frage. Oder zumindest eine unvollständige.
Die richtige Frage lautet: Was passiert mit dem Menschen, der das erlebt?
Narzisstischer Missbrauch bemisst sich nicht an der Diagnose des Verursachers. Er bemisst sich an der Wirkung auf den Betroffenen. Und diese Wirkung ist unabhängig davon, ob eine klinische Schwelle erreicht wird, ob Entwertungen direkt ausgesprochen werden oder ob die Person, die den Schaden anrichtet, überhaupt in der Lage ist zu verstehen, was sie tut. Schaden braucht keine Absicht, um real zu sein. Und er braucht keine Diagnose, um benannt zu werden und endlich ernst genommen zu werden.
Wenn wir Betroffene in Beratung oder Therapie mit Sätzen, wie konfrontieren wie: „Aber er hat Sie doch nicht direkt beleidigt” oder „Das klingt nicht nach einem klassischen Narzissten”, dann wiederholen wir die Dynamik, die die betroffene Person bereits erlebt hat: „Deine Wahrnehmung zählt nicht. Dein Schmerz braucht einen sichtbaren Beweis.“ Das ist nicht nur fachlich fragwürdig. Es richtet aktiv Schaden an.
Ein Merkmal das sich durch alle Ausprägungen zieht
Nach etlichen Jahren in diesem Feld bin ich überzeugt, dass es ein Merkmal gibt das konsistenter ist als jede Diagnose, konsistenter als jedes Verhaltensmuster, konsistenter als jede theoretische Einordnung.
Der andere leidet. Und die narzisstisch geprägte Person verändert sich nicht.
Nicht, weil sie immer offensichtlich böse ist. Nicht weil, sie es nicht besser weiß. Sondern weil Veränderung für eine narzisstische Persönlichkeit existenziell bedrohlich ist. Das Selbstbild zu korrigieren, bedeutet für diese Menschen nicht Wachstum. Es bedeutet Zusammenbruch. Das Nervensystem verfügt nicht über ausreichende Ressourcen, um diesen Einbruch aufzufangen. Also wird alles getan, um ihn zu verhindern. Rationalisierungen. Schuldumkehr. Narrative Umdeutung. Nicht als Strategie. Als Überlebensmechanismus.
Das zu verstehen verändert, wie wir sowohl mit Betroffenen als auch mit narzisstisch geprägten Menschen arbeiten. Es macht Mitgefühl möglich ohne Verantwortung zu relativieren. Und es macht klar, warum der therapeutische Auftrag in der Beratung fast immer derselbe ist: nicht die narzisstisch geprägte Person zu verändern, sondern dem Betroffenen Sprache, Orientierung und die Erlaubnis zu geben dem eigenen Erleben zu vertrauen.
Was das für unsere fachliche Praxis in den nächsten Jahren bedeutet
Wir brauchen erweiterte diagnostische Fragen. Nicht nur: Was tut diese Person? Sondern: Verändert sich diese Person angesichts des Schadens, den sie anrichtet? Gibt es echte Wiedergutmachung? Wird Verantwortung übernommen oder abgeschoben? Was passiert, wenn Grenzen gesetzt werden?
Wir müssen systemisch denken. Wer in eine Beziehung mit einem narzisstisch geprägten Menschen eingetreten ist, befindet sich nicht in einer Zweierbeziehung. Er oder sie ist in einem System. Mit Rollen, mit Geschichte, mit transgenerationalen Mustern, die bereits vor dieser Beziehung existierten und die therapeutische oder beratende Arbeit erheblich komplizieren, wenn wir sie nicht benennen.
Und wir müssen aufhören Diagnosen als Zugangsberechtigung für Validierung zu nutzen. Das Erleben von Betroffenen ist real. Es braucht keine ICD-Nummer, um ernst genommen zu werden.
Fazit
Narzissmus ist in aller Munde. Häufig dient dies der Charakterisierung unbequemer Mitmenschen, ohne dass der Gebrauch gerechtfertigt wäre. Die unpräzise Definition spiegelt sich in den unterschiedlichen Verwendungen in Psychologie und Psychiatrie wider.
Das stimmt. Und genau deshalb ist eine Weiterentwicklung des Begriffs keine Verwässerung. Es ist eine Präzisierung. Eine die dem klinischen Alltag gerecht wird. Eine die Betroffene sichtbar mach, die bisher durch das Raster fallen. Und eine die Fachleuten erlaubt dort zu helfen, wo Hilfe gebraucht wird, unabhängig davon, ob eine Diagnoseschwelle erreicht ist.
Die Frage ist nicht mehr: Erfüllt diese Person fünf von neun Kriterien?
Die Frage ist: Was passiert mit dem Menschen, der das erlebt? Und wie gehen wir damit um?
Quellenangaben
Pincus, A. L. & Lukowitsky, M. R. (2010). Pathological narcissism and narcissistic personality disorder. Annual Review of Clinical Psychology, 6, 421–446.
Ronningstam, E. (2005). Identifying and understanding the narcissistic personality. Oxford University Press.
Neumann, E. & Tress, W. (2010). Offener und verdeckter Narzissmus. Die Psychotherapie. Springer. DOI: 10.1007/s00278-009-0714-2
Dickinson, K. A. & Pincus, A. L. (2003). Interpersonal analysis of grandiose and vulnerable narcissism. Journal of Personality Disorders, 17, 188–207.
Bach, B. et al. (2022). The ICD-11 classification of personality disorders: a European perspective on challenges and opportunities. Borderline Personal Disord Emotion Dysregul, 9, 12. DOI: 10.1186/s40479-022-00182-0
WHO (2022). International Classification of Diseases, 11th Revision (ICD-11). Kapitel 6: Persönlichkeitsstörungen.
Herpertz, S. et al. (2022). Persönlichkeitsstörungen in der ICD-11. Psychotherapie und Psychosomatik, 26(4), 396–416. DOI: 10.21706/ptt-26-4-396
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Manja Kendler (Montag, 08 Juni 2026 06:45)
Wichtiger Ansatz habe zum Thema ein Buch geschrieben, was den Begriff und Störung ebenfalls reformverdächtig darstellt. "Mythen über Narzissmus - Annahmen, Irrungen und Konzepte.